Das Warten auf einen Exploit
publiziert: Freitag, 29. Apr 2005 / 09:51 Uhr / aktualisiert: Freitag, 29. Apr 2005 / 10:10 Uhr

Das Schweizer Eishockey-Nationalteam nimmt an der am Wochenende beginnenden WM in Wien und Innsbruck einmal mehr die Viertelfinals ins Visier. Auf dem Weg dorthin muss das Team von Ralph Krueger indes mehrere Stolpersteine überspringen.

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Vor einem Jahr in Tschechien schafften die Schweizer trotz Punktverlusten gegen Österreich (4:4 nach einem 1:4-Rückstand nach 40 Minuten) und Lettland (1:1) zum fünften Mal in sieben WM unter Krueger eine Top-8-Klassierung. Diesmal präsentiert sich die Ausgangslage heikler: Vor einem Jahr trafen die Schweizer in Vor- und Zwischenrunde mit Tschechien und Kanada bloss auf zwei "Grosse"; diesmal stehen mit Tschechien (in der Vorrunde), Russland und der Slowakei (beide in der Zwischenrunde) drei grosse Eishockeynationen schon vor den Viertelfinals im Weg. Um sicher unter die Top 8 zu kommen, braucht es Siege gegen Kasachstan, Deutschland und Österreich oder Weissrussland.

So weit voraus blickt Coach Ralph Krueger aber noch nicht: "Wir fahren nicht an die WM, um Achter zu werden. Sollten wir die Viertelfinals erreichen, wollen wir diese Hürde endlich überspringen. Aber wir nehmen Spiel für Spiel. Im Moment beschäftigen wir uns ausschliesslich mit den Tschechen." Gegen das von Jaromir Jagr angeführte tschechische Team startet die Schweiz am Sonntag ins Turnier.

Damit treffen die Schweizer gleich zum Auftakt auf eine absolute Top-Nation. In Vladimir Ruzickas 23-Mann-Kader für die Partie gegen die Schweiz figurieren 21 NHL-Akteure. Ein erstes Bild davon, was am Sonntagnachmittag auf die während der Vorbereitung so tadellose Schweizer Defensive zukommt (nur sieben Gegentore in sieben Spielen), machte sich der Schweizer Coachingstaff am Video (zweimal Finnland - Tschechien sowie Tschechien - Kanada von gestern Abend).

Krueger will aber das Konzept nicht auf den Gegner ausrichten: "Die Tschechen wollen ein Spektakel aufführen. Wir müssen unseren Weg gehen, unserem System treu bleiben und mit einfachem Spiel zum Erfolg kommen." Der Deutsch-Kanadier bleibt aber realistisch: "Es muss alles perfekt passen, damit wir in einem solchen Spiel punkten können."

Schlüsselspiele gegen Kasachstan und Deutschland

Zwei Tage später folgt die Partie gegen Kasachstan und am Donnerstag zum Abschluss der Vorrunde das vermeintliche Schlüsselspiel gegen Deutschland. "Gegen Kasachstan und Deutschland müssen wir die Basis für eine gute WM legen", fordert Krueger, der gestern das letzte, verkürzte Vorbereitungsspiel gegen einen vergleichbaren Gegner -- das Spiel gegen Österreich wurde beim Stande von 1:0 für die Schweiz wegen Löchern im Eis abgebrochen -- schon wieder abgehakt hatte: "Das Spiel sollten wir so schnell wie möglich vergessen. Das erste Drittel war schlecht, im zweiten waren wir besser. Ich glaube, die Steigerung hätte angehalten, kann es aber nicht beweisen."

Kasachstans Nationalteam tauchte nahezu ohne Vorbereitung in Wien auf. Erst letzten Sonntag sicherte sich Ust-Kamenogorsk den kasachischen Meistertitel. Der Meister stellt auch das Gros des Nationalteams. Ust-Kamenogorsk spielte vor dem Mini-Championnat Kasachstans in der zweithöchsten russischen Liga und belegte Platz 4. Im Februar sicherte sich Kasachstan trotz eines 0:4 gegen Österreich überraschend die Olympiaqualifikation für Turin.

Das deutsche Team schlug sich während der WM-Vorbereitung unterschiedlich: Ein 2:0 Anfang April gegen Schweden überstrahlte alles, aus den letzten Partien gegen Weissrussland (a/1:1 und 4:1), Lettland (h/2:4 und 3:3) und die USA (h/2:3) resultierte aber nur noch ein Sieg. Von Olaf Kölzig, Marco Sturm und Stefan Ustorf erhielt Zach-Nachfolger Greg Poss Absagen, ausserdem laboriert Jochen Hecht an einer Bänderdehnung im Unterarm. Hecht sollte aber bis zur Partie gegen die Schweiz fit sein. Krueger: "Die Absagen von Starspielern werden überbewertet. Ich bin sicher, Deutschland wird mindestens ebenso stark sein wie an den letzten Weltmeisterschaften."

Vorstoss im Weltranking?

Generell ist die Zuversicht im Schweizer Team vor dem WM-Start nach nur einer Niederlage aus den letzten zwölf Spielen und einer "sehr guten und konzentrierten Vorbereitung" (Krueger) gross. Noch nie verfügte die Schweiz an einer WM über ein derart starkes Goalie-Tandem wie diesmal mit Martin Gerber und David Aebischer, die das Schweizer Eishockey in den letzten Jahren in Nordamerika in bislang unerreichte Dimensionen geführt haben. Gerber scheint im Moment in der Pole Position, Krueger will die Nomination des Emmentalers aber nicht bestätigen: "Wir werden erst am Samstag kommunizieren, wer spielt".

Paul Di Pietro bringt im Sturm neue Qualitäten ein und könnte mithelfen, die Tor-Flaute zu beenden, sein Sturmlinienpartner Martin Plüss ist durch das Stahlbad in der schwedischen Elitserien noch stärker als zuvor.

An Überraschung glauben

Gelingt unter diesen Voraussetzungen wieder einmal ein Exploit? An den ersten drei Weltmeisterschaften unter Krueger resultierten vier Überraschungen gegen grosse Eishockey-Nationen (4:2 gegen Russland 1998 in Basel; 3:3 gegen USA, 3:2 gegen Russland und 1:1 gegen Schweden 2000 in St. Petersburg); seither bloss noch eine (1:0 gegen die USA 2003 in Finnland). "Wir glauben in jedem Spiel daran, dass wir solche Teams auch bezwingen können", so Krueger, der nach der Verbesserung von Severin Blindenbachers Gesundheitszustand für die erste Phase voraussichtlich 3 Goalies, 7 Verteidiger und 13 Stürmer melden wird.

Eine gelungene WM könnte einiges bewirken: Beendet sie das Turnier vor Deutschland und Lettland, verbessert sich die Schweiz in der Weltrangliste auf Platz 8. Dadurch bekäme der HC Davos als Schweizer Meister einen Startplatz im lukrativen europäischen Champions Cup -- und Coach Krueger wohl vom SEHV eine Vertragsverlängerung bis zur WM 2009 in der Schweiz. Krueger: "Vor gut einem Jahr vereinbarten (Verbandsdirektor) Peter Zahner und ich, drei Turniere (WM 2004, WM 2005 und Olympiaqualifikation) abzuwarten und dann über eine allfällige Vertragsverlängerung zu reden." Bislang hält Krueger, dem es in der Schweiz nach wie vor bestens gefällt, ein gutes Blatt in der Hand.

Schweizer greifen nach Platz 8

Weltranglisten-Ausgangslage vor der WM 2005 (Punkte aus WM 2002 - 2004 und Olympia 2002):
1. Kanada 2060 Punkte. 2. Schweden 1995. 3. Slowakei 1905. 4. Tschechien 1865. 5. Finnland 1845. 6. USA 1825. 7. Russland 1785. 8. Deutschland 1740. 9. Lettland 1715. 10. Schweiz 1715. 11. Österreich 1610. 12. Ukraine 1570. 13. Dänemark 1540. 14. Weissrussland 1490. 15. Kasachstan 1435. 16. Japan 1430. 17. Slowenien 1415. 18. Frankreich 1410. 19. Polen 1325. 20. Italien 1320.

Punktevergabe an der WM:
1200 (1.) - 1160 (2.) - 1120 (3.) - 1100 (4.) - 1060 (5.) - 1040 (6.) - 1020 (7.) - 1000 (8.) - 960 (9.) - 940 (10.) - 920 (11.) - 900 (12.) - 880 (13.) -860 (14.) - 840 (15.) - 820 (16.).

So war´s vor einem Jahr
WM 2004 in Tschechien. Vorrunde.

Gruppe D: Schweiz - Frankreich 6:0 (0:0, 4:0, 2:0). Schweiz - Österreich 4:4 (0:0, 1:4, 3:0). Kanada - Schweiz 3:1 (0:0, 2:0, 1:1). -- Rangliste (3 Spiele): 1. Kanada 5 (8:3). 2. Österreich 4 (12:6). 3. Schweiz 3 (11:7). 4. Frankreich 0 (0:15).

Gruppe A: 1. Tschechien 6 (15:2). 2. Lettland 3 (5:5). 3. Deutschland 3 (6:8). 4. Kasachstan 0 (3:14).

Gruppe B: 1. Slowakei 5 (10:5). 2. Finnland 4 (11:8). 3. USA 3 (12:8). 4. Ukraine 0 (2:14).

Gruppe C: 1. Schweden 6 (13:4). 2. Russland 4 (14:6). 3. Dänemark 2 (7:14). 4. Japan 0 (5:15).

Zwischenrunde.
Gruppe E: Lettland - Schweiz 1:1 (0:0, 0:0, 1:1). Tschechien - Schweiz 3:1 (0:0, 2:1, 1:0). Deutschland - Schweiz 0:1 (0:0, 0:1, 0:0). -- Rangliste (5 Spiele): 1. Tschechien 10 (19:5). 2. Kanada 7 (15:10). 3. Lettland 4 (8:9). 4. Schweiz 4 (8:11). 5. Deutschland 3 (6:14). 6. Österreich 2 (9:16).

Gruppe F: 1. Slowakei 8 (18:5). 2. Schweden 8 (12:5). 3. Finnland 7 (17:8). 4. USA 5 (17:15). 5. Russland 2 (10:14). 6. Dänemark 0 (6:33).

Viertelfinals:
Slowakei - Schweiz 3:1 (0:1, 2:0, 1:0).
Schweden - Lettland 4:1.
Tschechien - USA 2:3 n.V.
Kanada - Finnland 5:4 n.V.

Halbfinals:
Slowakei - Kanada 1:2.
USA - Schweden 2:3.

Um Platz 3: Slowakei - USA 0:1 n.V.

Final: Schweden - Kanada 3:5 (2:1, 1:2, 0:2).

Schweizer Länderspielstatistik Saison 2004/2005

Torhüter: Sp Min GT GT/Sp Shots Saves
David Aebischer 9 298 8 1,61 135 94,07 % Marco Bührer 8 209 9 2,58 83 89,15 % Martin Gerber 10 430 8 1,11 168 95,24 % Jonas Hiller 4 0 Ronnie Rüeger 3 91 2 1,31 39 94,87 %

Verteidiger: Sp T A Pkt
Goran Bezina 12 0 2 2 Severin Blindenbacher 10 3 5 8 Félicien Du Bois 6 0 0 0 Beat Forster 7 3 0 3 Cyrill Geyer 12 1 1 2 Timo Helbling 12 0 0 0 Olivier Keller 13 0 1 1 Reto Kobach 9 0 0 0 Mathias Seger 10 1 1 2 Martin Steinegger 6 0 0 0 Mark Streit 12 4 4 8 Julien Vauclair 13 2 1 3

Stürmer: Sp T A Pkt
Andres Ambühl 14 2 1 3 Deny Bärtschi 1 0 0 0 Patrik Bärtschi 5 1 0 1 Andreas Camenzind 5 0 1 1 Flavien Conne 14 0 6 6 Patric Della Rossa 16 4 1 5 Thomas Déruns 2 0 0 0 Paul Di Pietro 6 1 3 4 Patrick Fischer 16 2 1 3 Sandy Jeannin 16 2 5 7 Marcel Jenni 5 1 2 3 Romano Lemm 16 4 2 6 Michael Liniger 3 0 0 0 Patrick Oppliger 7 1 0 1 Thierry Paterlini 7 0 1 1 Martin Plüss 7 2 3 5 Marc Reichert 11 0 2 2 Kevin Romy 10 0 0 0 Ivo Rüthemann 17 2 4 6 Daniel Steiner 6 0 1 1 Adrian Wichser 13 6 3 9 Valentin Wirz 11 1 2 3 Thomas Ziegler 12 3 0 3

(Rolf Bichsel und Marco Keller/Si)

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